Artist Talk

Artist Talk: Jetzt mal doch endlich wieder was!

Mein großer Vorteil ist, dass ich nicht von meiner Kunst leben muss. Auch wenn ich das in meinen Träumen vielleicht gerne so hätte (inklusive dem wunderschönen Cottage in Devonshire oder dem netten Stadthaus in Kyoto… aber lassen wir das).

Wäre es ein 24-Stunden Job, ein sogenanntes “Müssen” , dann wäre die Freude, den Pinsel in die Hand zu nehmen, mir sehr schnell entrissen. Da bin ich mir sicher.

Ich mag es nämlich gar nicht, wenn ich mich hetzen muß. Deswegen klappen die beliebten “Draw-every-day” Challenges bei mir nicht (aber ich liebe es zu sehen, wie es andere durchgezogen haben). Und wenn ich mit meinem Sohn beim Fussballspiel bin und den ganzen Tag auf dem Fussballplatz rumhänge, kann ich beim besten Willen daran keine Urban Sketching-Inspiration finden. Ich habs ja versucht… sorry, geht einfach nicht (sobald ich diesen Ort betrete, begeht meine Inspirations-Elfe Selbstmord).

Ich kann noch so toll in mein Bullet Journal (ja, ich führe ein BuJo und ich finde das System einfach perfekt) in meinem Habit-Tracker “Malen” eintragen und mich am Ende des Monats mies fühlen, warum in dem einen Monat gerade mal 5 Kreuzchen gemacht wurden und somit mein “Ziel” nicht erreicht habe.

Ich denke, die vielen “Trend-Challenges” stressen uns unnötig und vor allem: sie nehmen uns unsere persönliche kreative Schaffenskraft. Denn wenn man aus dem “ich muss” heraus handelt, wird der kreative Prozess zum “Muss”. Ich finde, das sieht man der kreativen Arbeit an.

Ich “muss” endlich wieder auf Hamstergram posten, damit ich meine Follower behalte. Poste oder antworte ich einen Tag mal nicht im Fratzenbuch, denkt jeder ich bin tot. Aktualisiere ich nicht meinen Status in Was-geht, werde ich vergessen.

Nicht falsch verstehen. Ich liebe die sozialen Medien. Gerade weil man dort so viel tolle Kunst sieht, von gleichgesinnten Menschen, die einfach gerne Malen und Zeichnen. Ich mag die Konversationen, das gegenseitige Motvieren und manchmal tut es einfach gut, wenn wenigstens eine Person einen Daumen hoch für ein vermurkstes Bild gibt.

Aber wenn man, so wie ich, noch auf dem Weg zum persönlichen Stil ist, dann braucht es Ruhe, Innenschau, Achtsamkeit und Erdung, um sich selbst in der Kunst zu finden. Das kann man nur außerhalb des WorldWideWebs.

Im kreativen Prozess wird das “Ich” sehr stark gefordert. Ich muss mich für mein Projekt entscheiden, die Umsetzung ausarbeiten und auf mich die Realisierung konzentrieren. Kann ich das, wenn ich mir selbst Druck wegen mangelnder Statusmeldungen mache?

Ich gebe zu, dass regelmäßiges Üben und Wiederholen der Lektionen und Umsetzungen die persönliche Arbeit extrem positiv beeinflusst. Aber wenn ich mich zu etwas zwinge, bleibt der Spaß auf der Strecke und ich dann jemand, der es “durchgezogen” hat. In anderen Bereichen des Lebens ist das ja legitim. Aber in der Kunst? Ich finde man sieht es den Projekten an, wenn sie “durchgezogen” wurde. Deswegen mag ich keine Tracker, wenn es ums Malen geht.

Ich bin so gerne in der Natur und auf Reisen. Man umgibt sich mit Inspiration und kann sein Inneres auf die vielen Eindrücke lenken, die dort sind. Farben, Strukturen, Formen… alles ist da. Man muss nur raus gehen, dann ist alles vorhanden, um als Künstler glücklich zu werden. Und es ist auch toll, wenn man einfach mal die Zeit vergisst und sich auf sich selbst besinnt und der Natur lauscht, statt sich zu überlegen, wo ich gerade mein nächstes Selfie knipsen werde.

Wenn man auch nicht jeden Tag zeichnet, man kann alles aufnehmen, es in einem Notizbuch festhalten und sich dann in einer ruhigen Minute intentsiv damit beschäftigen. Und somit wird man auch besser. Es ist nur ein anderer Weg.

Ach ja: ich habe immer ein Skizzenbuch dabei. Egal wo ich bin, denn am Ende praktiziere ich das “Draw-every-day” tatsächlich, aber das geht nur ohne Druck und manchmal auch mit ganz viel Geschmier und dem einen oder anderen Fluch. That´s life.

Und Du? Wie machst Du das? Bist Du eher strukturiert oder bist Du jemand der seinen Eingebungen folgt?

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